2. Phase: "PALIMPSEST FÜR DEN REESERPLATZ"

struber-gruber  Katharina Struber, Künstlerin - Klaus Gruber, Architekt; Wien

Sonderfachleute: Dr. Inge Manka, (Architektin, Architekturtheoretikerin)

Zukünftig soll der Reeserplatz nicht allein der Aufarbeitung seiner Instrumentalisierung als Repräsentationsort eines mörderischen Regimes dienen, sondern einer vielschichtigen, lebendigen Zukunft Raum geben. Unser Vorschlag möchte auf der Grundlage von heterogenen korrespondierenden gestalterischen Komponenten einen poetischen Ort schaffen, der in eine positive Zukunft weist.

1 KÜNSTLERISCH SKULPTURAL

Palimpsest, Poetische Rekontextualisierung

Wie bei einem Palimpsest, einem antiken Schriftstück aus Pergament, das wiederholt beschrieben, schichtweise abgetragen und erneut beschrieben wird, schrieb und schreibt sich die Geschichte auch in diesen Ort ein. Manches bleibt sichtbar, anderes wird verdeckt. Nach der Streuobstwiese hat der Platz seine Form als Schienenschleife, als Endstation für eine Straßenbahn gefunden. Ab dem Sommer 1939, kurz vor Kriegsbeginn, gibt der Platz einer martialischen Soldatenverehrung Raum. Die Jahre 1939 bis 1945 führen uns die ungeheuren Dimensionen menschlicher Grausamkeit vor Augen.

Die künstlerischen Interventionen zum zentralen 39er Denkmal berücksichtigt unterschiedliche, gleichberechtigte Anforderungen an die Neukontextualisierung des NS-Bauwerks. Eine deutlich sichtbare und schnell erfassbare Intervention aber auch differenzierte, komplexe Sinnbeziehungen und Konterkarierungen. Die Worte einer Künstlerin und eines Künstlers jener Zeit - beide Opfer von Faschismus und Krieg – sind das zentrale Gestaltungselement. García Lorca wurde 1936 im spanischen Bürgerkrieg ermordet; sein Grab später niemals gefunden. Aurelia Wyleżyńska (Fußnote 1) starb im Warschauer Ghetto. Ihre Tagebücher beginnen mit dem 15. August 1939 und enden mit ihrem Tod im Jahr 1944.

Aurelia Wyleżyńskas Text wird als zartes Schriftband aus Bronzebuchstaben neben dem Weg durch den Park in den Boden eingelassen. Diese zurückhaltende Gestaltung verbindet den aktuell zweiteilig wirkenden Platz. Der Text gibt die wichtigsten Stellen ihres Tagebuchs wieder und erfüllt letztendlich den von ihr zu Lebzeiten geäußerten Wunsch nach Veröffentlichung. Das Schriftband beginnt am der Trinkhalle nahen Eingang des Parks. Chronologisch, beginnend mit der Erzählung über die unbeschwerten Ferienwochen im August vor dem Krieg, leiten die Worte durch den Park beim Kinderspielplatz vorbei. Hinter dem Denkmal sind Wyleżyńskas Schilderungen zum 1. September 1939 und die Wahrnehmung der ersten Kriegstage bis hin zur brutalen Realität im Warschauer Ghetto vor dem Denkmal zu lesen. García Lorcas (Fußnote 2) Zeilen treten skulptural mit dem Kriegsdenkmal in den Dialog. Der Text bildet eine Öffnung in einem riesigen dynamischen Blattgoldfleck. Es entsteht ein vielschichtiges Vexierbild. Das Glas zitiert eine Vitrine. Einerseits umrahmt sie den Stein, gleichzeitig widerspricht sie jedoch diesem. Das Blattgold verdeckt und gibt frei. Die Zeilen aus Lorcas Gedicht, sein Text, die Buchstaben sind Öffnungen in der Blattvergoldung. Die Worte, mit denen der spanische Lyriker versucht, den Schmerz angesichts des Todes zu fassen, geben den Blick auf die heldenhafte Darstellung der Soldaten frei. Die Grundform für die Vergoldung entsteht als ungeordneter Fleck: Mit Wucht wird der unsichtbare Haftgrund auf das Glas geschleudert, um dann das Blattgold langsam und in Handarbeit Zentimeter für Zentimeter aufzutragen. Diese gestalterische Ambivalenz zwischen Wucht und Ruhe offenbart sich bei genauer Betrachtung.

Fußnote 1 Wyleżyńska, Aurelia »Über nichts schreiben, als was die Augen sehen«. Tagebuch aus dem besetzten

Fußnote 2 García Lorca, Federico; Dichter in New York. Poeta en Nueva York: Gedichte Frankfurt am Main 2005

Fragen der Jury, Wettbewerb erste Phase

Frage Textauswahl

Federico García Lorca, wurde 1936 aufgrund seiner politischen Haltung und seiner homosexuellen Orientierung von Faschisten ermordet. Sein Werk „Poeta en Nueva York“ ist als vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Tod ein kraftvoller Gegenentwurf zum todesverherrlichenden 39er Denkmal. Während Krieg und Nationalismus eindeutige Wahrheiten herstellen, die Einzelnen zu einem „Volkskörper“ verschweißen und letztendlich über Leben und Tod der aus der Gemeinschaft Exkludierten entscheiden, eröffnet Lyrik vielschichtige Deutungsräume. Die in Stein gemeißelten Worte „... DES DEUTSCHEN VOLKES...“ werden mit den Zeilen des Dichters: „ ALLE BEGREIFEN DEN SCHMERZ ...“ rekontextualisiert. Alle begreifen den Schmerz, und doch ist er ist weder zu lokalisieren noch zu benennen. Die Lyrik gibt diesem unbegreiflichen Schmerz, der Dimensionen sprengt, Raum: “... er ist ein KLEINES UNENDLICHES Brandmal in den unschuldigen Augen der anderen Systeme“.

Frage Farbkonzept

Wir verwenden das Blattgold aufgrund seiner Materialeigenschaften. Gold ist in vielen Kulturen infolge seiner besonderen Eigenschaften verwendet worden: Neben dem unnachahmlichen Glanz ist es unzerstörbar und schützt vor Korrosion. Kulturhistorisch wurden dem Gold magische Eigenschaften zugeschrieben, sein Glanz wird mit dem Licht der Sonne und der Götter verglichen. In dieser Tradition wird mit Gold ein Ewigkeitsanspruch verbunden, den wir bei unserer Arbeit jedoch konzeptuell brechen. Vor dem steinernen Denkmal dient es vielmehr dem Festhalten eines Augenblicks: Eine Flüssigkeit trifft auf etwas unsichtbares Hartes. Daraus entsteht eine Form, die das Aufeinandertreffen von Kräften dokumentiert. Mittels der Blattvergoldung wird der geschleuderte unsichtbare Haftgrund (bzw. die Spur die er auf dem Glas hinterlässt) dauerhaft sichtbar gemacht. Auf dieser großen Fläche von siebzig Quadratmetern, welche mit elftausend acht mal acht Zentimeter kleinen Blättchen belegt werden, wird der enorme Aufwand des handwerklichen Prozesses spürbar.

2 LANDSCHAFTSARCHITEKTONISCH

Dieses kleine Stück urbaner Freifläche bietet bei einer Neugestaltung gute Voraussetzungen, die Nutzerinnen der Umgebung einzubinden. Ähnlich wie auf einem Anger oder einer Allmende kann dieser Ort einer diversen Gemeinschaft Raum bieten. Als Grundlage für diesen noch offenen Prozess legen wir einen Gestaltungsvorschlag vor. Unser Vorschlag sieht zunächst einen dialogischen Planungsprozess zwischen professionellen Landschaftsarchitekten und zukünftigen Nutzern vor.

a.) Historische Planungsgrundlage:

Nach der Urbanisierung – der als Streuobstwiesen landwirtschaftlich genutzten Flussufer – wurde der Reeserplatz als Endstation der Straßenbahn ein wichtiges „Eingangstor“ zur Ausstellung „Schaffendes Volk“. In dem, heute als Park genutzten Raum, ist diese Spur aktuell kaum lesbar. Die Wahrnehmung, des – wenige Jahre später erbauten – 39er Denkmals, zerfällt in eine Repräsentationsseite und eine Rückseite, die im Dickicht verschwindet. Diese Zweiteilung in den kaum genutzten Vorplatz und die Parkanlage wird durch die künstlerische und landschaftsarchitektonische Gestaltung verbunden. Ein Weg verbindet die beiden Grundstücke; das Denkmal soll zukünftig als dreidimensionales Volumen erfahrbar werden. Der Beteiligungsprozess beim Planungsverfahren schafft Möglichkeiten, dieses historische Bewusstsein in der alltäglichen Nutzung wach zu halten.

b.) Ökologische Planungsgrundlage:

Der Entwurf schlägt vielschichtige Verbesserungen des Mikroklimas vor. Die Wiesenbereiche werden vergrößert und die Vegetation wird durch Busch und Baumbepflanzung schattenreicher; wo es möglich ist, werden die Wege mit wassergebundenen Oberflächen ausgestattet. Das Dickicht auf der Rückseite des Denkmals wird gelichtet, fungiert aber weiterhin als Schattenspender und Rückzugsraum. Es dient als Raum und Nahrungsquelle für Vögel wie Insekten und soll deshalb nicht vollkommen entfernt werden. Mit Zusatzbepflanzungen soll dieser ökologische Aspekt ausgeweitet werden: neben blühende Gräser, Stauden und Büschen sollen als Referenz auf die Streuobstwiesen Obstbäume gepflanzt werden. Als ortsspezifisch historischen Bezug empfehlen wir die Sorte Korbiniansapfel. Diese Sorte wurde (von dem ab 1940 in Dachau inhaftieren Pomologen Korbinian Aigner) im KZ gezüchtet. Ob die Pflanzung dieser und anderer pflegeaufwendigen Sorten möglich ist, soll im Rahmen des Planungsprozesses mit Baumpatenschaften festgelegt werden.

c.) Soziale Planungsgrundlage:

Die Parkanlagen, als wichtiger Teil des öffentlichen Raumes, stellt eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, um soziale Kontakte zwischen Bewohner*innen des Stadtteils zu ermöglichen. Durch den geplanten Beteiligungsprozess im Zuge der Neugestaltung entwickeln die Anwohner*innen neue Beziehung zu dem Areal. Neben den bereits erwähnten künstlerischen und ökologischen Veränderungen stehen Spielplatz und Wiese im Mittelpunkt. Als intensiv genutzte Orte können sie deshalb mit wenigen Gestaltungskomponenten stärker als Orte der Kommunikation etabliert werden: In die Halbrundanlage der Wiese werden befestigte Sitzstufen eingebaut. Die vorhandenen Bänke werden erweitert, modifiziert und in eine Pergola eingebunden, die eine Beschattung für den Spielplatz sichert.

3 INFORMATION, DIDAKTIK

Litfaßsäule, Wandzeitung, Die Information zu den historischen Hintergründen des Ortes wird einerseits mit Historiker*innen ausgearbeitet, andererseits wird ein Raum für eine Wandzeitung für eine lebendige Diskussion geschaffen. Grundlage ist eine der Litfaßsäule nachempfundene Säule aus dunkelgrünem Emailblech mit einer permanent sichtbaren historischen Information. Für die Gestaltung der Wandzeitung streben wir die Zusammenarbeit mit Schulen aus der Umgebung an.

Begründung der Jury

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Die Arbeit „Palimpsest für den Reeser Platz“ verbindet die Historie mit einer ökologischen Gestaltung eines Parks, um einer lebendigen Zukunft Raum zu geben. Im Sinne einer Überschreibung oder dem Aufbringen einer neuen Schicht, wie bei einem Palimpsest (= eine Manuskriptseite oder -rolle, die bereits beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wird), wird der Ort zivilisiert.

Die Jury lobt, dass durch behutsame Interventionen beide Platzhälften miteinander verbunden werden und der zentralen Achse des Aufmarschplatzes lebendige und fließende Formen und Vegetation entgegenstehen. Die vermeintliche „Chaotik“ der Wiesenflächen und Bäume steht im Kontrast zum strengen und martialischen Denkmal. Die Aufenthaltsqualität auf dem ehemaligen Aufmarschplatz wird gestärkt und regt zur individuellen Nutzung an. Die Idee des Anlegens einer Streuobstwiese in einem ersten Schritt und der Einbeziehung von Anwohner*innen bei der weiteren „Überschreibung“ des Ortes wird von der Jury begrüßt.

Ein zartes Schriftband, mit einem Text von Aurelia Wylezynskas wird als verbindendes Element beider, durch das Denkmal getrennter Parkteile von der Jury gewürdigt. Doch diese verbindende, verspielte Gestaltung steht im Kontrast zur vorgeschlagenen Vitrine vor dem Denkmal, die mit einem eher klassischen Stilmittel aus der Düsseldorfer Protestgeschichte das Denkmal umgibt. Durch dieses Element wird der spannende Kontrast wieder aufgehoben und die Überformung des Denkmals dominiert die Maßnahmen. Auch die Wirkung des goldenen Flecks auf der Vitrine wird leider durch das Mittel einer Kommentierung gemindert. Auch die Auswahl und Begründung der Texte und Autor*innen ist zu unspezifisch für die Geschichte des Ortes und überzeugt die Jury, wie schon in der ersten Phase nicht. Der Ansatz eine Litfaßsäule auf dem Gelände partizipativ zum Beispiel mit den umliegenden Schulen für die Aufklärungsarbeit zu nutzen wir von der Jury einerseits begrüßt, fügt sich aber nicht schlüssig in das Gesamtkonzept des Entwurfs. Die Jury bedauert, das die verschiedenen begrüßenswerten Elemente sich nicht in ein konsistentes Gesamtkonzept einbringen und dadurch keine überzeugende Lösung der Aufgabe des Wettbewerbs von den Verfasser*innen erreicht wird.