Supernova – in Erscheinung treten

missing icons, Hamburg

Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Flash! Jeder Tritt auf ein Feld der Lichtskulptur löst einen Lichtblitz aus. Beim Überqueren leuchtet Partikel für Partikel des potentiell extrem hellen Gebildes strahlend auf. Seine verschieden großen, kreisrunden Teilchen sind als sternförmiger Schwarm in den roten Platz eingelassen, der die Rhein-Ufer-Promenade vor dem ehemaligen Mannesmannhochhaus unterbricht. Die Menschen, die seine Partikel betreten, lassen den an sich nur schwach schimmernden Sternenschwarm in Strahlenspuren auf dem Platz aufleuchten. Sobald der erste „Auftritt“ den Blitz erzeugt hat, folgt den vergehenden Schritten das allmähliche Verlöschen des Lichts. Der Moment des Ins-Licht-Tretens hält für eine kleine, unbestimmte Dauer an. Denn alle Felder der Supernova, die durch Druckkontakt ausgelöst werden, sind ein wenig anders programmiert, so dass die Geschwindigkeiten des Aufblitzens und des Verlöschens mal weniger, mal stärker variieren. 

Das gestreute Gebilde erscheint an einer Stelle der Stadt, die selbst aus dem normalen Alltag herausgehoben ist: Am Ufer, direkt neben der beliebten Rheinwiese und in der Nähe des geplanten Strands. In diesem besonderen Zwischenraum von Stadt und Fluss kann das heraushebende, das scheinende wie in Erscheinung bringende Lichtfeld Supernova zum lebendigen Treffpunkt, zur Anlaufstelle und zur Feierlocation der LSBT* Community werden. Da es sich mittig quer über die ganze Breite der Promenade zieht, irritiert es die Schlenderroutine des Promenadenpublikums. Die Blitze, die unmittelbar beim Betreten der Sternenteilchen ausgelöst werden, unterbrechen den gedankenlosen. Ein Kontakt kann nur durch Ausweichmanöver vermieden werden. Bei Nacht wird das Betreten zum ganz besonderen „In-Erscheinung-Treten“. Das Aufblitzen des Lichts macht jeden Menschen im selben Moment absolut sichtbar und unsichtbar: Es strahlt an und überblendet, hebt hervor und reduziert die In-Erscheinung-Tretenden auf ihre Silhouette.
Als Supernova wird die helle Leuchtphase eines zuvor unscheinbaren, kaum sichtbaren Sterns vor seinem Verlöschen bezeichnet. In ihrer Ausbreitung auf der Promenade wird sie zum treffenden Bild sowohl für das Sichtbarwerden, den Wunsch nach Sichtbarkeit, nach Sehen und Gesehenwerden, als auch für das sichtbarmachende Licht selbst. Sie erscheint und lässt erscheinen. An prominenter Stelle in der Stadtöffentlichkeit steht ihr Aufleuchten und Abblenden für das „Licht der Öffentlich-keit“, das hervorheben und ausblenden kann, das diejenigen, die ihm zwangsweise ausgesetzt werden, verbrennen und vernichten kann. Das Supernova-Lichtfeld verweist damit nicht nur auf die Not und Notwendigkeit der alltäglichen Selbst-Aufführung ebenso wie auf die politisch motivierte Suche nach Öffentlichkeit in Demonstrationen, Pride-Paraden und aktivistischen Outings, sondern erinnert auch an die Gefahren, die ein Outing (durch Dritte) für Menschen mit anderer als heteronormativer Orientierung lange Zeit darstellte – und es vielerorts bis heute tut.
Die Frage nach dem Erscheinen in Öffentlichkeit, nach den Bedingungen, Formen und Effekten des Erscheinens vor anderen als andere in Öffentlichkeit ist der zentrale Kulminationspunkt aller Frage- und Konfliktstellungen, die mit dem Kunstwettbewerb angerissen werden. Menschen, die in ihrem Leben und mit ihrer Lebensweise heteronormative Rahmen aufheben oder verschieben, sind notwendig besonders aufmerksam, wo und wie sie innerhalb der Gesellschaft nicht nur in ihrer Andersheit, sondern auch als Andere anerkannt in Erscheinung treten können. Die Selbstpräsen-tation ist unweigerlich an den gegebenen oder verwehrten Erscheinungsraum, die private oder öffentliche Bühne gekoppelt.
Die Supernova ist beides, sowohl irritierendes Ge-/Denkfeld als auch ein für jede Selbst-Performance offenes Spielfeld, eine leuchtende öffentliche Bühne, auf der die Ambivalenzen von Selbstpräsentation und Fremdwahrnehmung laufend neu erfahrbar werden. Dabei strahlt sie eine Leichtigkeit aus, bietet einen unerwarteten, einen lustvollen ästhetischen Spielraum, der zumindest kurzzeitig die komplizierte Vertracktheit der normierenden Diskurse und Zuschreibungen in den Hintergrund treten lässt.

 



 



Begründung der Jury aus der Sitzung vom 10. September 2019

Mehrere runde Einzellichtfelder in unterschiedlichen Durchmessern gruppieren sich zu einer „Supernova“. Betritt man diese Lichtfelder, die ebenerdig im Boden der Promenade eingelassen sind, wird ein Blitzlicht ausgelöst, das in unterschiedlicher Intensität und Dauer wieder verlischt. Die Jury lobt einstimmig die künstlerische Idee des Entwurfs, das symbolische Spiel von Licht und Schatten, von in Erscheinung treten und verborgen bleiben. Jedoch wird angemerkt, dass der spezifische Bezug zum Ort und zur Wettbewerbsaufgabe zu wenig deutlich wird. Zudem gibt es zum Teil erhebliche Bedenken seitens der technischen Fachämter