Quer

Christoph Brech, München

Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Eine der vielen Bänke der Rheinuferpromenade in Düsseldorf wird aus ihrer ursprünglichen Reihe herausgenommen und quer zu Fluss und Allee gestellt. Analog dazu werden in diesem Bereich auf eine Länge von etwa 14 Metern auch die Betonplatten des Fuß- und Fahrradweges quer verlegt. Auf den Wegen entstehen quer laufende Linien, optische Grenzverläufe. Durch das Querstellen der Wege wird der in den wellenförmigen Betonplatten dargestellte Fluss unterbrochen. Dies kann auch als Metapher für die Lebenslinien der in Konzentrationslagern ums Leben gekommenen 

Homosexuellen gesehen werden.
Im Zentrum des durch die 90° Drehung der Bank und der Wege entstandenen Raumes steht ein rosa schimmernder
Tetraeder aus Glas wie ein überdimensionierter Rosenquarzkristall mit einer Kantenlänge von 1,90 Metern. Sein zurückversetzter Sockel lässt ihn schwebend erscheinen. In ihm ist der mit der Spitze nach oben gekehrte (Aufbruch!) Rosa
Winkel zu erkennen, der während der Zeit des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern Kennzeichen jener Häftlinge war, die aufgrund ihrer Homosexualität dorthin verschleppt wurden.
Sitzt man auf der quer gestellten Bank, blickt man jetzt nicht mehr hinunter auf den Rhein, sondern auf die vorbeikommenden Menschen. Man sieht und wird gesehen. Man sitzt mit dem Rücken zur Skulptur und wird Teil der Installation.
Die Installation Quer möchte mit diesen optischen Hinweisen zu einem Ort der Erinnerung an nationalsozialistische Verfolgung werden, darüber hinaus aber auch zum Ort der Toleranz und Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Dank der Möglichkeit den Tetraeder zu jeder Tages- und Nachtzeit in den verschiedenen Pride-Farb-Kombinationen leuchten zu lassen, wird eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft geschlagen.
Im Inneren des Tetraeders befindet sich eine LED-Installation. Diese kann vor der Skulptur stehend, aber auch von
jedem anderen Ort der Welt aus mit Hilfe einer App über Smartphone und Rechner gesteuert werden. Jeder kann auf diese Weise mit der Skulptur in einen Dialog treten. Die gewählten Pride-Farben leuchten dann für eine noch festzulegende Zeit im Tetraeder auf; dieser wechselt anschließend wieder zum „Rosa Winkel“ zurück, bis er erneut angesteuert wird. Die App enthält ein Gästebuch (Selfies vor der Skulptur), Informationen zur Installation und historische Fakten zum Thema.
Für jeden besteht die Möglichkeit, „Farbe zu bekennen“ und damit ein identifikatorisches Zeichen zu setzen.

 



 



Begründung der Jury aus der Sitzung vom 10. September 2019

Der Entwurf „Quer“ ist wortwörtlich zu nehmen. Eine Sitzbank und die Pflasterung entlang der Promenade werden auf einer bestimmten Länge quer gestellt bzw. quer verlegt. Im Zentrum des neu geschaffenen Raums steht ein gläserner Tetraeder, dessen Beleuchtung im Inneren über LEDs gesteuert werden kann, vor Ort oder weltweit über eine App. Die Jury lobt die starke ästhetische Qualität des Entwurfs. Die Unterbrechung der Muster und Möblierung an der Rheinuferpromenade könnte ein deutliches Zeichen setzen. In der Assoziation zum „Rosa Winkel“ beschränkt sich der Entwurf jedoch inhaltlich zu sehr nur auf die Verfolgung von Männern in der NS-Zeit. Zudem sind Glasarbeiten im öffentlichen Raum besonders anfällig für Vandalismus.