Ein seltsam klassisches Denkmal


Claus Richter, Köln  

Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Die Figurengruppe besteht aus zwei scheinbar „männlichen“ und zwei scheinbar „weiblichen“ Figuren.

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ist ein sehr weites Feld, zersplittert in unzählige Subkulturen und Untergruppen. Beginnend bei Homosexualität und Bisexualität über den Bereich Transgender und Non- Binarität bis hin zu dezidierten Fetischen und zu guter Letzt der bewussten Loslösung von jedweder Zuschreibung öffnet sich bei genauem Hinschauen ein weites Feld. Jeder dieser Bereiche hat wiederum Untergruppen. Eine eher maskulin agierende „Butch“-Lesbe unterscheidet sich zum Beispiel bewusst von einer eher femininen „Femme“, dazwischen gibt es so viele Graustufen wie es Menschen gibt. Ein politisch eher aktiver Schwuler schüttelt den Kopf über den hedonistischen Lebensstil seiner unpolitischen schwulen Bekannten. Ein „Bär“ geht in die „Bärenbar“ ein „Twink“ in einen anderen Club. Ein butcher Lederschwuler blickt unter Umständen abschätzig auf eine „Tunte“ herab, und so weiter..

Zunehmend öffnet sich das Feld weg von diesen eigentlich ziemlich eng gezogenen Mikrokosmen hin zu einer Unzuschreibbarkeit, zu Non-Binarität, zum nicht festgelegten. Auch hierfür entsteht nun aber ebenfalls eine eigene Subkultur mit eigenen Regeln, Werten usw.. Wie also soll ein Denkmal wie ich es einreiche, all dem gerecht werden? Mein Vorschlag destilliert aus all den Figuren dieser Welten vier Grundfiguren: eine feminine, scheinbar biologisch männliche Figur, eine eher maskuline scheinbar biologisch männliche Figur, eine glatzköpfige scheinbar biologisch weibliche Figur und eine eher feminine scheinbar biologisch weibliche Figur. Diese vier Figuren stehen sinnbildlich für alle Spektren sexueller Ausrichtung und sind daher in ihren Details reduziert und zurückgenommen.

Es wäre möglich gewesen, stärkere klischeehafte Zuschreibungen einzubringen, eine Tunte mit Federboa, ein Lederschwuler in Kluft, eine Transgender-Frau mit OP-Narben usw.. Das wiederum würde ich als reduktiv und eng empfinden. Sexuelle Vielfalt ist unendlich und die von mir gewählten vier Archetypen können diese Vielfalt meiner Meinung nach eher abdecken als ein stark illustrativer Ansatz. Denn: Ist die „Frau“ vielleicht nicht Transgender? Ist die glatzköpfige Figur vielleicht Nicht-Binär? Ist der Mann im Rock mit langen Haaren nicht eventuell Heterosexuell und der „normal“ aussehende Mann Schwul? Und ist es nicht auch dann am Ende nicht auch hoffentlich egal!

Denn Menschen sind Menschen und so sehr der Kampf gegen Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt sexuell diverser Menschen niemals aufhören darf, so sehr sollte auch die durchaus bestehende Abgrenzung und Ausgrenzung als das gesehen werden, was sie ist: Spießig.

Was diese vier Archetypen jedoch eint ist die Geste. Die in den Himmel gereckte Faust und der ernste Gesichtsausdruck ist ein weltweit erkennbares Zeichen für Kampf und Widerstand. Kampf gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung, gegen Unterdrückung und für Offenheit und Gemeinschaft. Die vier Figuren sind geeint in dieser Haltung, sie sind „Helden“. Sie sind Platzhalter für all die, die Agieren und Einschreiten, die Zivilcourage zeigen, und für all die, die trotz Gefahr und Druck sichtbar „anders“ leben und gelebt haben, die dabei verfolgt, gefoltert und vielleicht sogar ermordet wurden. Mein Vorschlag soll eben nicht nur ein Ort für ein-oder zwei sexuelle Ausrichtungen sein, sondern für Alle.

Ein Heldendenkmal für absolute Offenheit und Toleranz.



 



Begründung der Jury aus der Sitzung vom 26. November 2019

Die vier Figuren des Denkmals stehen stellvertretend für die unterschiedlichen Spektren sexueller Ausrichtung. Sie sind in ihren Details reduziert und zurückgenommen, aber dennoch aufrecht, stolz und kämpferisch. Auf den ersten Blick nicht von einem klassischen Bronzedenkmal zu unterscheiden, überzeugt der Entwurf gerade aufgrund der Idee des Trojanischen Pferdes. Dennoch bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den bildhaften Darstellungen, der Maßstabsskizze, dem Modell und der Zielbeschreibung. Besonders die bildhauerische Umsetzung wirft noch diverse Fragen auf.