Cruising Voices*


Kerstin Honeit, Berlin

Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Vorhaben 
Unter der Düsseldorfer Rheinkniebrücke entsteht ein Ort, der sowohl an die Vorkämpfer*innen vielfältiger Lebens- und Liebesweisen erinnert als auch an die Verbrechen an LGBTQI*-Menschen – gestern wie heute. Ein Ort der durch die jährlichen CSD-Feierlichkeiten an den Wiesen vor dem KIT schon als Treffpunkt queeren Lebens markiert ist und durch den geplanten Stadtstrand zukünftig noch an Attraktivität und Lebendigkeit gewinnen wird. 

In Zusammenarbeit mit dem Forum LSBT* und regionalen Gruppen entsteht ein öffentliches ‚mündliches‘ Archiv
(Oral History) geschichtlicher wie gegenwärtiger Text-Zitate, homosexueller und queerer Emanzipations-bewegungen.
Diese emanzipatorischen Bekundungen werden unter der Rheinkniebrücke in eine interaktive dreiteilige Licht- und Soundinstallation künstlerisch übersetzt: Ausgelöst durch ein Durchkreuzen bzw. Cruising1 der Brücke von einem Schiff oder Fußgänger*innen unter der ‚Apollo-Unterführung‘ ist aus Lautsprechern ein (queerer) Sprech-Chor zu hören, der die Zitate interpretiert. Gleichzeitig und mit der Soundinstallation gekoppelt werden die akustischen Signale der abgespielten Chor-Stimmen von vier LED-Lichtstreifen unterhalb der Rheinkniebrücke in farbige Flächen übersetzt. Durch die Spiegelung der bunten Lichtflächen im Wasser finden die emanzipatorischen Zitate eine visuelle Transformation, die an der ganzen Rheinpromenade Düsseldorfs sichtbar ist.
Die Zitate von Magnus Hirschfeld, lokalen wie internationalen LGBT-Aktivist*innen, der ACT UP-Gruppe und Audre Lorde sind erste Angebote für eine Aufnahme in dieses Archiv im öffentlichen Raum. Eine Lichtprojektion am Brückenpfeiler gegenüber des Apollo-Variétés übersetzt die vom Sprech-Chor vorgetragenen Zitate in fünf verschiedene Sprachen (deutsch, englisch, türkisch, arabisch, russisch).
Darüber hinaus informiert eine aufgestellte Texttafel zweisprachig über das Projekt und verweist explizit auf die historische Besonderheit Düsseldorfs in Zusammenhang mit der massiven Homosexuellen-Verfolgung während des Nazi-Regimes. Ein QR-Code auf der Tafel verlinkt Interessierte mit einer Webseite, die über das Projekt anhand der Zitate sowie der damit verbundenen Personen und Ereignisse über homosexuelle und queere Geschichte(n) und Gegenwärtigkeiten Auskunft gibt.

Hintergrund / Leitgedanke: Stimme(n) erheben

Im Juni 2019 jährt sich zum 50sten Mal der Tag der New Yorker Stonewall-Riots, an denen sich erstmalig homosexuelle und queere Menschen als Kollektiv gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Polizeiwillkür massiv, laut und öffentlich zur Wehr gesetzt haben. Dieses Ereignis gilt als Ausgangsmoment jüngerer LGBTQI*-Emanzipationsbewegungen weltweit und erinnert daran, dass das Stimmeerheben marginalisierter Gruppen eine existenzielle Praxis ist. Eine Praxis des Überlebens.
Auch wenn es schon lange nicht mehr still ist in den homosexuellen und queeren Communities, zeigt die aktuelle politische Lage, national wie international, dass Erkämpftes stets neu verteidigt werden muss und dass eine nicht heteronormativ definierte Identität immer noch, auch in Deutschland, eine prekäre Identität sein kann. Es soll sich erinnert werden an die, die sich Gehör verschafft haben, mit lauten und mit leisen Tönen, an Stimmen, die gewaltsam während des Nazi-Regimes zum Schweigen gebracht wurden. Und es soll ermutigt werden, selbst die Stimme für eine pluralistische und diverse Gesellschaft zu erheben.
Emanzipatorische Zitate und Slogans – ein erstes Angebot an das wachsende Archiv
- Die Nächstenliebe erfordert, die Liebe des Nächsten zu achten2
- Homophobie ist keine Meinung3
- Your Silence Will Not Protect You4
- We are queer we are here 5
- Silence = Death6
Ein lokaler Chor aus unterschiedlichen LGBT* und queeren Gruppen wird unter professioneller Anleitung der Soundkünstlerin* Mieko Suzuki für jedes Zitat ein a capella Arrangement erarbeiten, dass sich zwischen Protestsprech-Chor und arrangierten Harmonien bzw. Disharmonien bewegt.

 



 



Begründung der Jury aus der Sitzung vom 10. September 2019

Die Rheinkniebrücke wird zum Ort eines visuellen und auditiven Archivs, das Texte und Zitate homosexueller und queerer Bewegungen sammelt, auf die Wand projiziert und vertont. Ausgelöst werden die „Cruising voices“ bei jedem Unterqueren der Brücke, ob durch Schiffe oder Passanten. Ein sehr komplexer und vielschichtiger Entwurf, der durch Lichtfelder unterhalb der Brücke noch ergänzt wird. Positiv bewertet wird die Zusammenarbeit mit der Community vor Ort. Offen bleibt jedoch, wer die Auswahl der Texte vornimmt und deren Veröffentlichung kuratiert. Auch richtet sich der Entwurf in erster Linie an Insider der Szene, weniger an eine breite Öffentlichkeit. Zudem gibt es erhebliche Bedenken seitens der technischen Fachämter.