3. PREIS 


Heinke Haberland, Düsseldorf 

Sonderfachleute: Haberland Architekten BDA, Berlin

 Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Interpretation der NS-Anlage

Bei dem von den Nationalsozialisten konzipierten „Ehrenmal“ handelt es sich nicht nur um den architektonischen Baukörper am Kopfende des Platzes. Denn das NS-Regime war inszenatorisch modern und raffiniert genug, den traditionellen Denkmalbau bewusst mit einem interaktiven Element zu komplettieren: dem Aufmarschplatz. Dass der gesellschaftliche Unmut sich heute im Wesentlichen auf den architektonischen Riegel bezieht und der Platz als harmlos, gar schön empfunden und toleriert wird, zeigt, dass bis jetzt möglicherweise gar nicht wirklich begriffen wurde, was die Nationalsozialisten hier als ideologisches Gesamt-“Kunstwerk“ implementiert und erfolgreich bis in die Zukunft – unsere Gegenwart – projiziert haben. So ist unserer Auffassung nach nicht das Bauwerk mit den der Gruft entsteigenden Wiedergängern das größte Problem. Viel unheimlicher noch ist die perfide Harmlosigkeit, mit der dieser Platz da liegt – wie in einem Dornröschenschlaf – und auf die reale Wiederbelebung seines impliziten Zweckes harrt. Er birgt in seinem unbemerkten Kontinuum das eigentliche Unheil, verkündet er doch immer weiter unterschwellig, aber äußerst konkret die Aufforderung zur aktiven Reanimation des Faschismus. Dieser Platz wartet geradezu darauf, dass wieder aufmarschiert wird. Die Wiederauferstehungs-Szene an der Stirnseite ist sozusagen nur die illustrierte Anleitung dazu. Dies ist folglich gar kein Denkmal, sondern eine intakte NS-Aufmarschanlage, möbliert mit einem pseudoreligiösem Altarschrein. Das pathetische „Totengedenken“ dient dabei lediglich als propagandistischer Trick zur erneuten Kriegstreiberei.

Eingriff in die faschistische Topografie

Dieser bis heute stehengebliebene Bühnenraum des Faschismus soll nun aufgebrochen werden. Er wird durch eine massive skulpturale Intervention neu besetzt, umgedeutet und unterminiert.Dem bestehen blei-benden Denkmalkubus soll zudem auch physisch sehr deutlich etwas entgegengesetzt werden. Die Ach-sialität des Platzes und die Symmetrie seiner Pflasterung werden ausgehöhlt und dekonstruiert. Die freie Sicht über den Platz bleibt dabei gewahrt, denn erst im Näherkommen tut sich der Boden auf. Revanchistische oder neofaschistische Aufmärsche werden verunmöglicht bzw. direkt in den Boden abgeführt. Je tiefer man hinein geht, desto tiefer senkt sich der Grund. Abstieg, Niedergang und Untergang finden in diesem abfallenden Grabensystem auf schiefer Ebene ihr danteskes Äquivalent. Lasciate ogni speranza, voi ch‘entrate!

Ikonografischer Hintergrund

Das neue Bauwerk variiert das archetypische Symbol des Labyrinths und lässt es hier
– als Antwort der Moderne auf einen Barockpark – als einen unsinnigen Irrgarten
entstehen. Denn im Unterschied zu einem klassischen Labyrinth fehlt nun jedwedes sinnstiftende Ele-ment. Es gibt kein Zentrum, keinen Rythmus, keinen Ausgang, kein Ziel. Der Verlust der Mitte und somit der Möglichkeit einer Umkehr und sinnerfüllten Wiederkehr verkehrt sich zu bedeutungslosem Umherirren. Im Grabensystem der Abzweigungen, Sackgassen und Kreuzungen wird das In-die-Irre-Gehen zur para-doxen, selbstbezüglichen Taktik. Assoziationen an die labyrinthischen Schützengrabensysteme der Welt-kriege sind dabei intendiert. Ausweglosigkeit und Alptraum als Prinzip versinnbildlichen hier die psycho-logische Verfasstheit eines traumatisch verwüsteten Zeitgeistes. So erinnert dieser Ort an die Opfer ihres eigenen verrannten, patriotischen Wahns und ihr vergebliches, furchtbares Tun, doch mehr noch soll es die buchstäbliche Irrsinnigkeit des Krieges gegenwärtig machen. Die existentielle Abwegigkeit wird dabei metaphorisch sichtbar und körperlich erfahrbar sein. Diese architektonische Skulptur soll dabei im besten Sinne demokratisch sein, eine künstlerische Inter-vention, die für Alle deutbar und erfahrbar ist. So darf hier Ariadne assoziiert, Borges zitiert und Piranesi bemüht werden, an Krieg gemahnt und an die Toten erinnert, – aber auch einfach gespielt und flaniert. Die stereotyp marschierenden Steinsoldaten des alten Denkmals finden ihr figuratives Äquivalent nun in den realen Besuchern der begehbaren Anlage – echten Menschen, die in dem Bodenrelief frei und selbst-bestimmt herumlaufen können, um schließlichlebendig dieser Unterwelt wieder zu entsteigen.



 

Begründung der Jury

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Als besonders positiv wurde die Störung der nationalsozialistischen Ästhetik des Platzes durch den Entwurf hervorgehoben. Dessen symmetrische Ordnung würde durch die chaotische Struktur des Eingriffs nicht nur visuell gebrochen; auch die ursprüngliche Funktion des Ortes als Aufmarschplatz wird zerstört. Durch die auffällige Umgestaltung des Platzes wird dieser auch in seiner historischen Komplexität im Be-wusstsein der Bevölkerung wachgehalten und regt zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte an. Die Assoziation zu den Schützengräben des Ersten Weltkriegs wurde ebenfalls positiv hervorgehoben - der Aufenthalt im Labyrinth würde Gefühle von Orientierungslosigkeit und Ausweglosigkeit hervorrufen. Die Brutalität des räumlichen Eingriffs würde ein ambivalentes Gefühl hervorrufen, welches das Erleben des Platzes nachhaltig verändern und ihn so als Störfaktor im öffentlichen Raum etablieren würde. Eben-falls begrüßt wurde die Tatsache, dass das Denkmal selbst sichtbar bleibe, aber nicht mehr zu erreichen sei. Es würde den Betrachter*innen quasi "entzogen", was zu einer produktiven Spannung führen könne. Desto näher man dem Denkmal im Labyrinth kommt, desto weniger kann man es sehen. Die/der sich dem Denkmal nähernde Betrachter*in geht den umgekehrten Weg der Stein-Soldaten, die aus der Pseudogruft steigen und „versinkt in der Erde“, eine pointierte Kommentierung und Entlarvung des nationalsozialisti-schen Konzepts des Platzes. Kritisch sieht die Jury, neben Fragen zur Verkehrssicherheit auf dem Platz, einen gewissen Aufforderungscharakter die Gräben aus sportlichem Anreiz zu überspringen. Der Schüt-zengraben ist ein Symbol für den ersten Weltkrieg. Durch die Fokussierung des Entwurfs auf dieses Sym-bol und damit den ersten Weltkrieg entsteht aus Sicht der Jury eine Schieflage im Verhältnis zur gesamten Geschichte des Denkmals und der damit eng verbundenen deutschen Geschichte. Die Jury würdigt den Entwurf mit dem 3. Preis im Wettbewerb.