2. Phase: "Vom Krieger - zum Kriegsdenkmal"

Christian Ahlborn, Düsseldorf 

scape Landschaftsarchitekten: Matthias Funk / Hiltrud M. Lintel/ Prof. Rainer Sachse
Mitarbeit: Hiltrud M. Lintel / Vivien Ildikó Harmati / Annika Werner / Yung Chin Shih
Historikerin: Judith Voelker, Scenografin: Dipl. Des. Alexandra Breitesten Lichtplanter: Burkhard Wand, Hamburg

Gesamtkonzept. Wir wollen das KRIEGER-Denkmal als Beitrag zu einer zeitgemäßen und kritischen Gedenkkultur, zu einem KRIEGS-Denkmal transformieren und die toxischen Aspekte des Denkmals dabei nicht verdecken, sondern in einem neuen Zusammenhang nutzen. Die Anlage soll ein Ort der Auseinandersetzung mit Krieg als zivilisatorische Katastrophe und gesellschaftlichen Totalversagens werden. Es entsteht ein Spannungsfeld aus dem Spagat, einerseits ein schonungsloses Kriegs-Bild mit all seinen Konsequenzen darzustellen, andererseits das Gedenken an die Soldaten des 39’er Regiments nicht auszugrenzen, sondern sie als Zeitzeugen, als Täter und Opfer ernst zu nehmen. Das Konzept für die Umgestaltung des 39‘er Denkmals bezieht sich auf drei Ebenen:
A. Das historische Ensemble mit seinem faschistoiden und militaristischen Narrativ.
B. Die Ebene visueller Intervention. Durch das Hinzufügen ausgeblendeter Perspektiven (z.B. Folgen für die Zi-vilbevölkerung, Kriegsverbrechen, Leid und Zerstörung) entsteht eine neues gedenkpolitisches/kulturelles Narrativ, in das die bisherige Anlage als Beleg historischer/kriegerischer Gedenkkultur integriert wird und wieder einen Sinn ergibt. Ein übergeordnetes Freiraumkonzept verbindet den Denkmalbereich neu mit der Gesamtanlage und dem Stadtraum und verbessert sowohl die Aufenthaltsqualität, als auch die Sicht- und Lesbarkeit.
C. Die virtuelle Informationsebene. Um einen musealen Charakter zu vermeiden und ein direktes Erfahren des Ortes zu ermöglichen, wird bis auf einige Informationen zur Anlage und dem 39’er Regiment weitgehend auf Infor-mationsschilder verzichtet. Der historische und örtliche Kontext ist dennoch ausgesprochen wichtig und wird in eine virtuelle „Infoebene“ verlagert. Sie besteht aus einer ausführlichen Webseite und einer Augmented Reality App im Rahmen eines didaktischen Konzepts, das für den Reeser Platz entwickelt wird.
Visuelle Ebene. Der Reeser Platz erscheint heute als zusammenhangloser, diffuser Ort im Stadtbild. Das Konzept verbindet die Denkmalwand und die vorgefundenen Elemente mittels neu hinzugefügter Interventionen zu einem zusammenhängenden Mahn- und Gedenkort. Durch die Zonierung in “Denkmal-Platz“ und “Denkmal-Garten“, wird eine Umfunktionierung des Gesamtensembles vorgenommen, das in seiner Einheit auf die Kriegsvergangenheit hinweist. Auf dem Platz werden vier mit großformatigen Bildmotiven bedruckte, partiell gefärbte Glaswände platziert, die im Zusammenspiel mit den skulpturalen Sitzobjekten die Zentralachse der historischen Anlage und deren Funktion als Aufmarschplatz konterkarieren. Die Glaswände orientieren sich in ihrer Höhe und Breite an den Pro-portionen der Denkmalwand und führen von verschiedenen Standpunkten aus zu einer Überlagerung der vorhan-denen, militaristischen Wandgestaltung mit ernüchternden bzw. verstörenden Bildmotiven der Kriegswirklichkeit, ohne den aus denkmalpflegerischer Sicht gewünschten Blick auf die Denkmalwand zu verstellen.
Die denkmalgeschützte, gerasterte Oberfläche des Vorplatzes wird in Form von Plattenbändern aus Beton wie ein Teppich unter dem Denkmal zum „Denkmal-Garten“ hindurchgeführt. Hier werden ebenfalls eine Glaswand und ein Sitzobjekt plaziert. Der zentrale Raum im Denkmalkorpus wird durch Entfernung von Rückwand und Gittertoren zu einer Passage, die den Denkmalbereich zur dahinterliegenden Wiesenfläche öffnet. An den seitlichen Wänden befinden sich Glaswände mit historischem Material und Informationen zur Anlage und dem 39’er Regiment. Zusätzlich werden Denkmal-Platz und Denkmal-Garten mittels einer barrierefreien Durchwegung zu beiden Seiten des Denkmals verbunden. Der heutige Kinderspielplatz wird in die Anlage integriert und leicht nach Norden verschoben. Die zentrale Wiese bleibt frei und dient weiterhin als multifunktionale Spielfläche und Treffpunkt für die Nachbarschaft. Über sie hinweg, öffnen sich durch die Auslichtung des Gehölzbestandes neue Blickbezüge auf die Gedenkstätte, so dass die Wahrnehmbarkeit der Anlage aus Richtung Nordosten/Kaiserswerther Straße verbessert wird.
Die Glaswände. Die Glaswände sind inhaltlich und gestalterisch der zentrale Aspekt der Neugestaltung. Die transparenten Bildebenen überblenden mit der Darstellung der Kriegsrealitäten das architektonische Narrativ der historischen Anlage. In der Gesamtkomposition entwickelt sich bei Annäherung an das Kriegerdenkmal eine Dramaturgie. Themenblöcke sind: die naive Begeisterung bei Kriegsbeginn, die Realität industrieller Kriegsführung, die Konsequenzen für die Zivilbevölkerung, der ideologisch geführte Vernichtungskrieg im 2. Weltkrieg und zum Spielplatz hin ein Bild zur Kindheit im 1.Weltkrieg. Die endgültige Anzahl, genaue Platzierung und Formate ergeben sich aus den Resultaten der Bildrecherche; evtl. kommt noch eine weitere Wand zum Themenbereich Verwüstung und Kriegsverbrechen im WK 1 dazu. Die Wände bestehen aus 8 x12 mm TVG vandalismus- und glasbruchresistentem Sicherheitsschichtglas mit Anmutung eines Glasblocks, wobei sich das Bild und die Farbfläche auf verschiedenen Ebenen befinden. Die Glaselemente werden beidseitig mit Opalfilmfolie beschichtet, die neben einem Schutz gegen Verkratzen und Grafittis auch die Resistenz gegen Gewaltanwendung wie Zerkratzen, Steinwürfe etc. signifikant erhöht. Die Bildwände sind in 6 Segmente à 1,5 Meter aufgeteilt. Dadurch wird durch unbestückte Segmente eine dramaturgische Komposition von Bildern möglich, darüber hinaus ergeben sich gewichtsbedingte Vorteile bei Produktion und Montage. Im Schadensfall können einzelne Segmente ersetzt werden.

Begründung der Jury

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Der Kern des Konzepts vom Krieger- zum Kriegsdenkmal geht von dem Prinzip der visuellen Überlagerung und damit der direkten Konfrontation von historischem Artefakt mit einem medialen historischem Bild aus. Dieser schlüssige und folgerichtige Ansatz zur kritischen Kommentierung im Sinne der Aufklärung nutzt geschickt neue inszenatorische Ansätze für eine Präsentation der im Wettbewerb und vom Auslober erwarteten Botschaften und Inhalte. Die Umsetzung der großen Glasflächen mit den aus der Perspektive der Besucher und Passanten das Denkmal überlagernden Bildmotiven, die als visueller Kontrapunkt zur Motivik des Denkmals auch von Sitzbänken und in unterschiedlicher Lichtstimmung erfahrbar werden, sind in einem Gesamtkonzept, das auch landschaftsarchitektonischen, sicherheitstechnischen sowie denkmalpflegerischen Aspekten Rechnung trägt, eingebettet.

Genau dieser generell erwünschte Umstand wird einerseits in der Diskussion gewürdigt, aber auch mit Verweis auf die Arbeit von Museen mit Vorbehalten betrachtet. Denn diese sehr an museale Konzepte angelegte Grundidee verhindert eine andere Form der Rezeption und Auseinandersetzung mit dem Ort als physisch erlebbarer Raum. Es stellt sich die Frage welche ikonografischen Fotos können den Dienst am Denkmal leisten, ohne gleichzeitig eine Relativierung der multikontextuellen Geschehnisse des Horrors von Krieg und Propaganda auch gleichzeitig wieder zu relativieren. Hinzu kommen VR-, AR-, QR-Inhalte und Sitzbänke, die ebenfalls mit Fotomotiven ausgestattet sind, die das ganze Thema so stark medial instrumentalisieren und zur Informationsoberfläche werden lassen, dass deren eigene Ästhetik ein ganz eigenes inhaltliches Mitspracherecht beanspruchen würden. Hier zeigt sich die Schwäche der sonst vorbildlichen Grundidee der Überlagerung. Die Wirkung der Demaskierung im Sinne der kritischen Entlarvung wird aus der Sicht der Jury und vom Auslober mit dem in der zweiten Phase entwickelten Schwerpunkt in der künstlerischen Kommentierung nicht erreicht.